- Was bedeutet mir der Hauptgottesdienst? -

 

In unserer Gemeinde wird jeden Sonntag vormittag der Hauptgottesdienst gefeiert. Das ist nach meiner Beobachtung in allen christlichen Gemeinden so. Wie der Name schon sagt, ist es das zentrale Treffen der Gemeindeglieder. Dabei wird der Gottesdienst gefeiert, aber auch Informationen aus dem Gemeindeleben weitergegeben. In der Altensittenbacher Gemeinde wird sogar einmal oder zweimal im Monat eine “Verlängerung” angeboten, der Kirchenkaffee im Anschluss an den Gottesdienst.

Nun ist es ja so, dass der Mensch im Verlauf seines Lebens eine Entwicklung mitmacht, in der sich auch Anschauungen und Werte ändern.

Ich kann mich noch sehr gut an meine Jugendzeit erinnern, in der ich den Hauptgottesdienst als altmodisch und langweilig empfand. Es sollte schon etwas rockiger sein als Orgelmusik und Lieder aus dem 16. oder 17. Jahrhundert; es sollte schon etwas moderner sein als schwarzer Talar und Beffchen. Schlagzeug, Gitarre, Saxophon und Blue Jeans waren angemessen, wir waren ja die kommende Generation, nach der sich alles zu richten hatte.
Damals gab es in der Nürnberger Meistersingerhalle die Jugendgottesdienste. Ich besuchte sie gerne, sie entsprachen schon eher meinen Vorstellungen.

Wie gesagt, im Laufe eines Lebens verändern sich Anschauungen und Werte. So veränderten sich dann meine ehemals zentralen Vorstellungen über den Gottesdienst zu Äußerlichkeiten, die an Bedeutung verloren. Das heißt nicht unbedeutend oder gar gering geschätzt. An Bedeutung gewonnen hat jedoch das Erlebnis der Gemeinschaft mit den anderen Gottesdienstbesuchern und das Bewusstsein, dass wir alle zu dem einen Gott gehören. Dann der weitgehend gleichgebliebene Ablauf, die meisten Änderungen wurden doch sehr behutsam eingeführt. Und die Lieder, die unsere Kirche teilweise seit Jahrhunderten, teilweise erst seit wenigen Jahren begleitet.
Im Lauf der Zeit hat dann der Hauptgottesdienst seine Bedeutung als Ort der Besinnung und Ruhe gewonnen. Er ist eine Zeit, in der die Welt mit ihren Problemen und Forderungen an mich an Bedeutung verloren hat: er ist ein Stück Heimat geworden. Manchmal empfinde ich auch heute noch, das eine oder andere Lied passt nicht mehr in unsere Zeit, oder der Ablauf des Gottesdienstes sollte da oder dort etwas offener werden. Aber dann ist da wieder das Vertraute und gut Bekannte, das mir die Heimat ausmacht, in der ich mich wohl fühle.

Reinhard Müller